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Ahnungsloser Gemeinderat stimmt für Abkehr von freier Software in Freiburg

Erwartungsgemäß hat der Freiburger Gemeinderat heute die Rückkehr von freier Software zu Microsoft-Produkten für die Stadtverwaltung vollzogen und damit Haushaltsbelastungen von 600.000 Euro allein für Lizenzen beschlossen. Neben diesen und weiteren Kosten wurde auch der Schulungsbedarf für den Umstieg auf eine zehn Jahre neuere Office-Version in der Sitzung unter den Teppich gekehrt. Auch zukünftige Upgrade-Kosten wurden nicht weiter thematisiert.

„Hier wurde die Chance verpasst, lokale Wirtschaft und Unternehmen zu stärken und gleichzeitig eine Vorreiterrolle mit freier Software einzunehmen. Stattdessen muss die Freiburger Verwaltung jetzt erklären, warum sie nicht schafft, was kleinere Städte wie Isernhagen und größere Städte wie München erfolgreich umsetzen“, so Martin Brink-Abeler aus dem Bezirksvorstand Freiburg.

„Durch den Kurswechsel – erst hin zu Open Source und dann wieder zurück – hat die Verwaltung letztendlich dem Ansehen freier Software und der Stadt Freiburg selbst geschadet. Nun entsteht der Eindruck, die eingesetzte Open Source Software sei nicht gleichwertig, was definitiv falsch ist. Anstelle einer Rückkehr zu Microsoft hätte der Gemeinderat entscheiden müssen, das Projekt endlich mit der nötigen Entschlossenheit mutig voranzutreiben und auf offene Standards zu setzen“, so André Martens, Freiburger Direktkandidat für die Bundestagswahl 2013.

Das Gutachten des Sachverständigen weist indes auf große Mängel und fehlende Ernsthaftigkeit bei dem Umstieg auf OpenOffice in Freiburg hin. Der zuständige Bürgermeister Neideck machte die Schwierigkeiten jedoch lediglich in der Software aus.

Der Sachverständige ist Geschäftsführer und Gründer der Firma Excientes Management Consulting GmbH und außerdem Vorsitzender des Aufsichtsrates der Tricept AG, eines zertifizierten Microsoft-Partners, was Zweifel an der Unabhängigkeit des Gutachtens aufkommen lässt.

Mit 25 zu 20 Stimmen beschlossen CDU, SPD, Freie Wähler und zwei Mitglieder der Grünen heute die Rückkehr zu Microsoft. Auch der grüne Bürgermeister Salomon stimmte gegen seine Fraktion und für Microsoft. Dabei wurde von Fraktionen fehlende Sachkenntnis zugegeben und die bisher nur mangelhaft in Open Office geschulten Mitarbeiter der Verwaltung instrumentalisiert. Die SPD begründete zum Entsetzen anwesender Sachverständiger ihre Entscheidung mit Beiträgen aus dem in IT-Kreisen als legendär unsachlich bekannten Heise-Forum.

„Diese Entscheidung ist haarsträubend, die politische Signalwirkung verheerend. Bezeichnend ist dabei, dass sich die Zustimmenden vor allem durch ihre Eingeständnisse von Ahnungslosigkeit auszeichneten. Wieso kann man sich bei einer Abstimmung in einem solchen Fall nicht enthalten? Wer die technischen Details nicht versteht, ist natürlich empfänglich für tendenziöse Aussagen in Gutachten.“, so Martens.

Die Freiburger Pirat*innen bedauern diese Entscheidung und befürchten einen weiteren Rückschritt in die Abhängigkeit von Großkonzernen. Die Chance ist vertan, bisherige Versäumnisse auszubügeln und sich als moderne und wegweisende Stadt zu präsentieren. Und das zu Gunsten eines teuren Microsoft-Großprojektes, das unter gleichen Bedingungen wohl auch gescheitert wäre.

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  1. @LucasStad
    21. November 2012, 00:40 | #1

    Da kann man doch nur schreien, wenn man das liest. Ahhh…!^^

  2. www.die-linke-freiburg.de
    21. November 2012, 00:54 | #2

    Die Linke im Gemeinderat hat geschlossen für OpenSource gestimmt. Die städt. IT hat versäumt die eingesetzte Software zu aktualisieren und parallel einzelnen Nutzern MS Produkte installiert. Chaos, Unzufriedenheit und Mehrbelastung in der Betreuung waren damit vorprogrammiert. Das alles ist aber behebbar und rechtfertigt keine Rückkehr in die Arme eines kommerziellen Software-Monopolisten wie MS.

  3. Adremdico
    21. November 2012, 00:59 | #3

    Auch wenn das jetzt sehr herablassend klingt und ich damit vor allem die Entscheidung des Gemeinderates kritisieren will und nicht die Verwaltung:
    Ernsthaft? 600.000€? So unfähig kann eure Verwaltung doch garnicht sein, dass sie nicht in der Lage ist, OpenOffice zu verwenden. Der Umstieg von Microsoft Office zu Open Office ist nun wirklich nicht schwer, dass kann jeder an zwei Samstagen lernen. Und wer etwas fitter im Kopf ist bekommt das ganz ohne Hilfe hin. Mit einer kurzen Schulung hätte man sich die Ausgabe sparen können. Ich meine, es gibt zigtausend kostenlose Onlineangebote zum OpenOffice-Lernen, man findet mit einer einfachen Google*-Suche zu jedem kleinen und großen Problem eine Lösung – ich sehe absolut keine Notwendigkeit für diesen Kostenpunkt.

    (* Wann gibt es dazu eigentlich mal eine nicht-kommerzielle Alternative? Nur, weil ich es langsam bedenklich finde, wie sehr ein einzelner Konzern darauf Einfluss nehmen kann, welche Informationen uns erreichen und welche nicht.)

  4. Stefan
    21. November 2012, 01:20 | #4

    Ernsthaft? Ich stelle mir das gerade vor, da stehen Ratsherren und zitieren Heise-Trolle. Da sind dann wohl Zitate gefallen wie, „Mit Windows wäre das nicht passiert“, oder, „Frickelsystem Linux.“ Jetzt bekommen die Mitarbeiter wohl gleich Windows 8 – und werden dann Bauklötze staunen 😉

  5. alex
    21. November 2012, 02:41 | #5

    @Adremdico
    Du meinst
    http://duckduckgo.com/
    zum Beispiel?

    Bescheidene Frage zu der Umrüstung:
    Haben die Pfeifen da schon die Kosten für zukünftige Updates wie Windows 8 eingerechnet? Allein die Umstellung auf das neue, grottenschlechte, OS dürfte weit über den Kosten für Office liegen (Arbeitszeit & Kosten). Warum man überhaupt Open und nicht Libre Office genommen hat ist dann noch die Abschlussfrage.

  6. Pirat aus Niedersachsen
    21. November 2012, 03:02 | #6

    Aber sie haben doch Recht: Linux IST ein Frickelsystem und steckt voller Bugs. Der letzte root-Exploit dieses Jahr ließ mich hart facepalmen. Dass die Linux-Fanboys sich jetzt darüber aufregen, war allerdings vorhersehbar. Mag sein, dass freie Software Vorteile hat (ich setze selbst in einigen Fällen auf FreeBSD), aber dieses Mimimi, weil ein Gemeinderat das anders sieht, ist schlimm.

    OpenOffice ist doch als Projekt so gut wie tot, im Gegensatz zu Microsoft Office. (Um LibreOffice geht es hier ja nicht.) Insofern ist OpenOffice NICHT gleichwertig.

    Übrigens: Ist diese Genderscheiße („Pirat*innen“) bei Freiburger Piraten Usus? Erschreckend.

  7. Mein Name
    21. November 2012, 03:15 | #7

    Pirat aus Niedersachsen :
    Aber sie haben doch Recht: Linux IST ein Frickelsystem und steckt voller Bugs.

    Hat Linux etwa ein Monopol auf Bugs?

    Mag sein, dass freie Software Vorteile hat (ich setze selbst in einigen Fällen auf FreeBSD), aber dieses Mimimi, weil ein Gemeinderat das anders sieht, ist schlimm.

    Um Linux ging es hier nicht, sondern nur um ein Büropaket. Und da wäre ein Zwang zu ODF äußerst sinnvoll gewesen. Henne, Ei und so.

    OpenOffice ist doch als Projekt so gut wie tot, im Gegensatz zu Microsoft Office. (Um LibreOffice geht es hier ja nicht.)

    Ja, und da fängt diese Studie auch schon an, intensiv zu riechen.

    Übrigens: Ist diese Genderscheiße (“Pirat*innen”) bei Freiburger Piraten Usus? Erschreckend.

    Wenigstens in einem Punkt sind wir uns einig. 🙁

  8. Pirat aus Niedersachsen
    21. November 2012, 04:32 | #8

    Zu ODF möchte ich auf meinen Kommentar unter dem vorherigen Artikel verweisen. Zerschießen kann man auch mit offenen Formaten hervorragend.

  9. Robert
    21. November 2012, 06:26 | #9

    1) Es ist absolut lächerlich, LINUX als Frickelsystem zu bezeichnen.
    2) Es ist bedauerlich, dass einige nicht verstehen warum OpenSource immer besser ist als ClosedSource.
    3) Es tut mir sehr leid, dass irgendjemand mal irgendeine Datei in irgendeinem Format bei sich zuhause zerschossen hat. Argumentation sieht anders aus.
    4) Ein Ortsverband hat sich entschieden, Pirat*innen zu schreiben, who cares? Dieses als Genderscheisse zu bezeichnen ist sehr befremdlich.

    Windows-User, Nicht-Pirat Robert

  10. Jens
    21. November 2012, 06:38 | #10

    Wenn man selber im Propagandastil schreibt, so wie diese Pressemitteilung, dann wird man eben auch nur als anderer Lobbyist behandelt, was man ja de facto auch ist. Und dann muss man damit leben, dass manchmal der andere Verkäufer zum Zuge kommt, auch wenn man selber meint, durch einen geringeren Grundpreis ein besseres Angebot gemacht zu habem. Der Kunde bewertet Folgekosten halt anders.

    Es ist nicht Aufgabe der Stadt Freiburg, irgendetwas für oder gegen den Ruf freier Software zu tun. Das haben die Lobbyisten freier Software zu tun. Vorher. Wenn sie dabei versagen, ist das nicht das Problem der Nutzer.

    Diese Pressemitteilung zeigt nur schlechte Verlierer. Der moralinsaure Unterton ist nicht gerechtfertigt.