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Offener Brief der Freiburger Piraten an Dekan Engelhardt

Sehr geehrter Herr Dekan Engelhardt,

es freut uns zu hören, dass Sie offensichtlich über die Piratenpartei nachdenken. In Ihrer Predigt vom Karfreitag 2012 gibt es Ungenauigkeiten, die Sie anscheinend in Zusammenhang mit der Piratenpartei bringen.

Ausgehend von dem Wortlaut Ihrer Predigt und den darauf folgenden Reaktionen in der Presse ist der Schluss, dass Sie die Piratenpartei als „hip und anziehend geltende Partei“ bezeichnen, naheliegend.

Unglücklicherweise sind Sie einigen Irrtümern aufgesessen, die wir an dieser Stelle gerne ausräumen möchten.

Was in Emden geschehen ist, ist grauenvoll und wir bedauern ebenso wie sie, was dort passiert ist. Doch ebenfalls sehr beschämend war an dieser Stelle das Versagen der Presse und insbesondere der Polizei. Was Sie aber ausgehend von deren Versagen dazu verleitet, dieses mit der Piratenpartei und der von Ihnen genannten „Freiheit im Internet“ zu verbinden, ist für uns als Bürger und Parteimitglieder nicht nachvollziehbar.

Die Ereignisse von Emden fanden nicht im Internet statt. Etwa 66% aller Bundesbürger nutzen auf unterschiedliche Weise das Internet ebenso selbstverständlich wie andere Kommunikationskanäle
(z.B. über das Telefon, Handy, Fax etc.). Man hätte auch telefonisch oder per Brief zum Lynchmob aufrufen können. Deswegen würde man trotzdem nicht Kommunikationsanbieter wie die Deutsche Post oder gar Telefonhersteller verurteilen.

Die Ursache des Lynchmobs waren auch nicht die Aufrufe auf Facebook. Ursächlich für den Lynchmob war unter anderem die fehlerhafte Arbeit der Polizei, welche die Öffentlichkeit schon früh glauben ließ, man habe den Täter bereits gefasst. Wozu eine mangelhafte Abschottung oder gar Vorführung von Verdächtigen führt, hätte der Polizei und der Staatsanwaltschaft bewusst sein müssen.

Die Aufrufe auf Facebook waren die Reaktion einiger Bürger auf die Tat und Folge der oben beschriebenen Probleme und der Darstellung des Falles in der Presse. Diese Wut, die aus einer gefühlten Ohnmacht in pure Aggression umschlägt und welche dazu führt, dass Menschen ohne Urteil als schuldig angesehen werden, finden wir Piraten ebenfalls unerträglich. Allerdings ist dies kein neues Phänomen, das gab es schon vor dem Zeitalter des Internets und damit auch lange vor der Piratenpartei.

Es war nicht die Piratenpartei, die zu dem Lynchmob aufgerufen hat. Es ist auch nicht die Schuld der Piratenpartei oder der Netzgemeinde, dass auch Menschen, die die Folgen Ihres Handelns nicht begreifen, Facebook nutzen.

Im Übrigen drohen demjenigen, der auf Facebook zum Lynchmob aufgerufen hat, derzeit bis zu fünf Jahre Haft. Darüber hinaus gibt es auch die dargestellte vermeintliche Anonymität im Internet nicht, die in Facebook, in dem sich der scheinbare Lynchmob gebildet hatte, sowieso nicht vorhanden ist. Diesen Menschen muss bewusst gewesen sein, dass sie mit ihrem Namen und ohne den Schutz der Anonymität, zur Selbstjustiz aufrufen.

Als kirchliches Oberhaupt ihrer Gemeinde sollten Sie hier aber die größeren Zusammenhänge erkennen können.

Kernthemen der Piratenpartei sind unter anderem der Datenschutz und die Bürgerrechte, zu denen auch die Unschuldsvermutung gehört. Wären diese angemessen geachtet worden, hätte es keinen Lynchmob in Emden gegeben. Dass dieser unter anderem auch in Medien wie dem Internet organisiert wurde, zeigt, wie wichtig die Arbeit der Piratenpartei ist, um die Möglichkeiten zur sinnvollen und produktiven Nutzung des Internets zu erschließen und auf die Gefahren hinzuweisen, welche sich durch Missbrauch und unbedachtes Handeln Einzelner ergeben können.

Wir laden Sie herzlich zu einem Gespräch auf unseren nächsten Stammtisch am 17. April 2012 um 19.00 Uhr in der Warsteiner Galerie ein, um einen Diskurs zwischen uns anzustoßen und um die Positionen des jeweils anderen besser verstehen zu können.

Beste Grüße,
die Piraten Freiburg

  1. 9. April 2012, 21:08 | #1

    Zur Ergänzung noch den dazugehörenden BZ-Artikel „Dekan Engelhardt kritisiert Piratenpartei“ (http://www.badische-zeitung.de/freiburg/dekan-engelhardt-kritisiert-piratenpartei) und den Text der Predigt (http://www.evangelisch-in-freiburg.de/Karfreitag2012_engelhardt_Hebr9_15_26b-28.pdf).

  2. Wolf Duttlinger
    10. April 2012, 00:54 | #2

    Oh Mann Leute – offener Brief – nur weil jemand was nicht kapiert. Brauchen wir wirklich so viel Presse, Rummel. Wo der Junge steht sagt doch ein anderer Teil seiner Predigt: „nur dadurch beseitigt werden kann, daß der Täter selber sein Leben opfert.“ Hat mir den Anschein er glaubt wirklich, dass die Opfer der Todesstrafe in den USA selber sterben wollen… ergo – Wir sind Piraten und damit böse… Demnächst kommt über die Presse eine Gegenaufforderung, dass wir doch bitte in die Kirche kommen sollen. Was soll das? Der Bub hätte sich den berühmten Satz von Dieter Nuhr zur Brust nehmen sollen. Da muss man nicht aufspringen. Lächeln, immer nur lächeln…

    Wolf

  3. 10. April 2012, 09:17 | #3

    @wolf
    du hast die predigt mißverstanden, gemeint ist, dass die gesellschaft das leben des täters opfert. in den usa staatlich sanktioniert. er stellt den mob von emden hier in eine reihe.
    allerdings – und das ist das dumme an der predigt – macht er für diesen mob irgendwie das internet mitverantwortlich. bei einem oberflächlichen verständnis des netzes als blossem kommunikationsmittel macht also das kommunikationsmittel verantwortlich. das kommunikationsmittel beschleunigt nur und verbreitet. das ganze dann noch in verbindung mit der piratenpartei zu bringen, beruht entweder auf unkenntnis der piraten oder ist ziemlich perfide – da finde ich es sehr richtig das gespräch zu suchen.

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