Adhocracy-Schulung
Wenn sich Piraten abends in einem Schulungsraum einfinden, gebannt einer Präsentation folgen und danach intensiv diskutieren, heißt das, dass wir wieder an der Zukunft der Demokratie arbeiten.

Friedrich (Pudo)
Friedrich (Pudo), der selbst Mitglied im Liquid Democracy e.v. ist, hat sich bereit erklärt, uns einen Einblick in Themen wie das Design-Pattern des Parlamentarismus, Liquid Democracy, Delegated Voting und das Konzept seines Tools Adhocracy zu geben. Vor einiger Zeit hat er bereits über das Thema Liquid Democracy geschrieben, als er über seine Teilnahme am ersten Liquid Democracy-Barcamp in Berlin berichtete. André (Navigator) hat in seinem privaten Blog auch schon ein wenig über das Thema philosophiert.
Bei der Veranstaltung ging es weniger um die Frage, wie man bei operativen Entscheidungen wie “Wann machen wir den nächsten Infostand?” ein Meinungsbild einholen kann. So etwas lässt sich zur Not schon mit Doodle erledigen. Viel schwieriger sind strategische Entscheidungen wie “Wie positionieren wir uns bei Fragen zum Urheberrecht?”. Dann muss man nämlich nicht nur seine Stimme abgeben oder jemandem übertragen, sondern gezielt an der Ausformulierung von Beschlusstexten arbeiten, die in verschiedenen Vorschlagsversionen vorliegen und für die man versuchen muss, Mehrheiten zu bekommen.
Um solche Entscheidungen zu unterstützen, hat Friedrich das Tool Adhocracy entwickelt, das eine Mischung aus Wiki, Diskussionsforum und Abstimmungstool ist und das diese Prozesse im Web unterstützen kann.
In der Diskussion stellte sich schnell heraus, dass das Thema alles andere als trivial ist. Der Teufel liegt wie immer im Detail:
- Wie kann der Prozess für alle Anwender verständlich und zugänglich gestaltet werden?
- Wie gehe ich mit vielen Vorschlägen um, die sich nur in kleinen Details unterscheiden?
- Wie verhindere ich in der Anfangsphase der Ausarbeitung eines Beschlusstextes Edit-Wars?
- Wie verhindere ich, dass am Ende jeder nur seinen eigenen Vorschlag für gut befindet?
- Wer bestimmt, wann die Entwurfsphase eines Beschlusstextes zu Ende ist, damit eine Abstimmung gestartet werden kann?
- Brauchen wir eventuell Meta-Abstimmungen, um den Beginn einer Abstimmung zu beschließen?
- Was mache ich, wenn ein Beschluss schon eine Mehrheit hat, aufgrund der laufenden Abstimmung nicht mehr geändert werden kann und ich einen Schreibfehler entdecke?
Da Tools wie Adhocracy im Grunde die „bleeding edge of technology“ darstellen, gibt es zu einigen dieser Fragen nur prototypische Lösungen. Deshalb ist eines der Ziele bei unserer Arbeit mit Adhocracy auch, herauszufinden, was verbessert werden kann, um den Entwicklern diesbezüglich Feedback zu geben. Dabei geht es nicht nur um Vorschläge zu Programmverbesserungen, sondern auch um Vorschläge zum Prozedere an sich.
Mit der Schulung, die am 14.01.2010 stattgefunden hat, wollten wir möglichst viele Piraten aus dem Gebiet des noch zu gründenden Bezirksverbands Freiburg erreichen, weil wir das Tool benutzen wollen, um die Bezirksverbandssatzung auszuarbeiten. Da sich herausstellte, dass an dem Abend längst nicht jeder Zeit haben würde, haben wir beschlossen, die Veranstaltung auf Video aufzuzeichnen.
Christoph (Guschtel) ist so freundlich, seinen Server bereitzustellen und das Video (siehe Referenzen) zu hosten. Das Produktivsystem Liquid Pirates befindet sich unter http://www.liqp.org. Wir bitten alle Piraten um eine rege Teilnahme an der Satzungsdiskussion, denn wirkliche Basisdemokratie lebt in erster Linie vom Mitmachen.
Referenzen:
- Schulungsvideo Liquid Democracy (Flash, 45MB)
- Schulungsvideo Liquid Democracy (TSCC codiertes AVI, 280 MB) (Mirror)
- TSCC Codec (für Windows notwendig)
Das TSCC codierte Video kann unter Windows mit dem TSCC Codec oder unter freien Plattformen mit ffmpeg (mplayer, etc.) abgespielt werden.
Ich möchte an dieser Stelle auch auf Liquid Feedback hinweisen, dass seit mehreren Wochen im gesamten Berliner Landesverband, sowie in Bremen und Schleswig-Holstein getestet wird. Eine Testumgebung bei der sich jeder anmelden kann gibt es hier:
http://www.public-software-group.org/liquid_feedback_testing/index/login.html
Gruß
Christopher
Ahoi Christopher,
danke für den Hinweis. Es ist aber nicht so, dass wir LiquidFeedback verheimlicht hätten. Sowohl in dem verlinkten Blogbeitrag von Pudo als auch in meinem verlinkten Privat-Blog wird direkt auf LiquidFeedback verwiesen. Auch auf der Veranstaltungsseite im Wiki kommt LiquidFeedback vor.
Aussage von Pudo war, dass seiner Ansicht nach LiquidFeedback konzeptionell eher für operative als für strategische Entscheidungen geeignet sei.
Ich finde die Konkurrenz zwischen den Tools (derer gibt es ja noch viel mehr) gut, weil das dazu führen wird, dass gute Ideen ausgetauscht und verschiedene Ansätze ausprobiert werden können. Noch weiß nämlich keiner, was bei der technischen Umsetzung von Liquid Democracy die beste Strategie ist.
Viele Grüße,
Andre (Navigator)