Bildungsstreik 2009: Vortrag von Dr. Claus Kleber

Dr. Claus Kleber im Audimax
Der Vorlesungsmarathon am Freitag startete mit einer wenig spannenden politischen Debatte mit Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon. Es wurden Themen wie Kindergartenbeiträge, Studiengebühren und die Wohnsituation der Studenten diskutiert, wobei allerdings keine wirklich kontroverse Debatte aufkommen wollte. Die Hauptdiskussion konzentrierte sich letztendlich auf die Zukunft der Wiese vor dem Audimax und verkam damit gänzlich zu einer Farce.
Der Tag wurde glücklicherweise aber mit den weiteren Vorlesungen im Rahmen des Vorlesungsmarathons spannender, was seinen Höhepunkt im grandiosen Vortrag von Claus Kleber fand, der auf Einladung des “Carl Schurz Haus” im Audimax auftrat. Die gegenwärtige Besetzung sah er nicht als Problem für seinen Vortrag an und betonte, dass er die Motivation der Studierenden durchaus verstehen könne.
Sein Vortrag drehte sich um das Thema “Krieg und Medien in den USA“. Es gelang ihm, die innere Zerrissenheit eines Journalisten beim beständigen Streben nach neutraler, vollständiger und zum Nachdenken anregender Berichterstattung dermaßen fesselnd vorzutragen, dass man zeitweise „das Fallen einer Nadel im Audimax hätte hören können“.
Eine besonders interessante Anekdote war der Bericht einer Begegnung von Claus Kleber mit George W. Bush während eines langen Fluges, bei dem er die Gelegenheit hatte, ganz persönlich mit dem späteren Präsidenten zu sprechen. Er fragte ihn, ob es ihn nicht vielleicht im Nachhinein belasten könnte, dass er als Gouverneur von Texas so viele Todesurteile vollstrecken ließ. Mit verständnislosen Blick entgegnete Bush, ob es in Deutschland denn keine Todesstrafe gäbe. Diese Begegnung prägte nachhaltig den Eindruck, den Claus Kleber von dem späteren Präsidenten haben sollte und der sich in folgenden Treffen noch öfter bestätigen sollte.
In einem Streifzug durch die Berichterstattungen über kriegerische Auseinandersetzungen ging er auf Themen wie Zensur, eingebettete Reporter und Kriegspropaganda ein. Seiner Ansicht nach ist auch ohne Zensur die neutrale Berichterstattung ständig gefährdet, da die Art der Nachrichten stark durch marktwirtschaftliche Einflüsse geprägt ist. Während der zwei Irak-Kriege war es beispielsweise seiner Ansicht nach nicht möglich, die Kriegsgründe in US-amerikanischen Zeitungen kritisch zu hinterfragen. Die US-Bevölkerung stand zu einem großen Teil hinter ihrem Präsidenten und wollte Hurra-Patriotismus in den Zeitungen sehen. Alles andere wäre mit Verachtung gestraft am Zeitungskiosk liegen geblieben. Begleitet wurden diese Ausführungen mit dem überraschenden Geständnis, dass auch er im Jahr 2003 das Vorgehen gegen Saddam Hussein als richtig ansah, da seine gesamten Informanten ihm keinerlei anders lautenden kritischen Informationen offenbarten. An einem solchen Beispiel kann man gut erkennen, wie ohnmächtig die ansonsten kritische Presse gegenüber einer solchen Aktion sein kann. So sah sich unter Anderem die New York Times genötigt, eine offizielle Entschuldigung abzudrucken, als sich herausstellte, dass es keine Massenvernichtungswaffen im Irak gegeben hat. Sie waren ihrem Auftrag, alles kritisch zu hinterfragen, nicht nachgekommen.
Eine ganz besondere Problematik der Fernsehberichterstattung sah er darin, dass man als Journalist manchmal nur schwer gegen die Macht der Bilder ankämpfen kann, die man zwar selbst verbreitet, aber die die eigentlichen Gegebenheiten nur sehr unzulänglich darstellen. Im Krieg zwischen Israel und Hisbollah 2006 zeigten die Bilder die einseitigen Eindrücke des Kampfs einer hochtechnisierten israelischen Armee gegen eine handvoll Rebellen der Hisbollah. Er empfand es als außerordentlich schwierig, die dramatische Vorgeschichte, die zu diesem Krieg geführt hat, adäquat darzustellen, weil schlichtweg die passenden Bilder fehlten, um beide Seiten um den jahrelangen Raketenterror der Hisbollah realistisch schildern zu können.
Sehr interessant waren auch die Ausführungen über die Dreharbeiten zu einer Dokumentation über die Atommächte der Welt. Während es praktisch problemlos möglich war, in Russland, Pakistan und Indien Drehgenehmigungen für Atomwaffenbasen zu bekommen, wurde ihm zunächst in den USA verboten, auf diesen Stützpunkten zu filmen. Sogar in den amerikanischen Einrichtungen auf deutschem Boden durfte er nicht berichten. Erst der massive Einsatz seiner persönlichen Journalisten-Kontakte mit Verbindungen ins Pentagon verhalf ihm am Ende zu seinem Bericht.
Er schloss mit dem dringenden Appell an alle Anwesenden, sich immer möglichst weitgefächert über politische Vorkommnisse zu informieren und jegliche Information tiefgehend zu hinterfragen. Die Abwesenheit von Zensur ist zwar die Grundlage einer jeden Demokratie, hilft aber nur wenig, wenn die unzensierte Berichterstattung trotzdem nicht neutral – beispielsweise durch eingebettete Kriegsreporter – ausfällt. Als vierte Staatsmacht hat jeder Journalist die Verpflichtung, die Zuschauer und Leser durch Lieferung von möglichst präzisen Informationen zu eigenständigem Reflektieren anzuregen.
Jeder ist angehalten, sich Informationen nicht nur durch die Journalisten aufbereiten zu lassen, sondern auch vor allem selbst nachzurecherchieren. Gerade im Zeitalter des Internets ist die Beschaffung von Informationen aus den verschiedensten Quellen so einfach wie nie zuvor. Deshalb tritt die Piratenpartei für ein unzensiertes Internet und eine möglichst gute Bildung ein, die die Grundlage für die reflektierte Informationsrecherche darstellt.
Ein kleiner Tipp am Schluss: Wer die Gelegenheit hat, Claus Kleber einmal live zu erleben, sollte sich diese nicht entgehen lassen. Es lohnt sich.






Im Rahmen der Besetzung des Audimax Freiburg, an der auch einige Piraten aus Solidarität teilnehmen und dort auch schon seit Anfang an übernachten, wurde uns erlaubt, heute um 18:30 Uhr eine Rede zu halten, die Ziele der Piratenpartei vorzustellen und diese mit den anwesenden Studenten zu diskutieren.





